Polyamant
Dienstag, 30. Juni 2015
Familie

Ich komme aus einer Großfamilie. Beim siebzigjährigen Geburtstag meiner Oma waren 180 Gäste und das waren alles Verwandte. Wir sind rund 50 Cousins und Cousinen. Ich habe fast jede Ferien meine Kindheit in diesem großen Haus meiner Oma verbracht, in dem rund 20 Menschen wohnten. Mit meinem Bruder war ich 20 Jahre lang quasi ununterbrochen ständig zusammen.

Andererseits bin ich heute viel alleine. Man könnte vermuten, dass mir das Schwierigkeiten macht, aber das tut es wahrscheinlich viel seltener als anderen Menschen. Vielleicht ist das so, weil ich als Kind alleine sein als luxuriöse Out-Time erlebt habe und nicht als hilflose Einsamkeit. Denn ich war nie hilflos und wenn ich nicht allein sein wollte, musste ich es nie sein.

Mit 46 Jahren ist die Geborgenheit einer Großfamilie, die einem schmächtigen, "draußen" eher stillen, Schuljungen das Leben so unbemerkt aber nachhaltig erleichtert hat, nicht mehr so präsent. Aber das Grundvertrauen, dass man nicht alleine ist, das bleibt und es lässt sich erhalten. Indem man seine Familie selbst aufbaut.

Ich habe Freundinnen und Freunde, die ich als Familie ansehe. Wir haben eine so enge Verbindung, dass wir uns nicht ständig versichern müssen, noch da zu sein - was eventuell auch einseitig ist, aber das ändert nichts daran. Diese Selbstverständlichkeit ist wichtig. Selbst wenn man sich mal ein paar Jahre aus den Augen verliert, ändert das nichts am Status der Beziehung. Und das gilt nicht nur für die engen Beziehungen, ich betrachte meine ganzen Bloggerfreundinnen und Freunde als erweiterten Familienkreis, als ob sie auch Cousinen und Cousins sind.

Meine Familie ist immer noch riesig. Es sind nur nicht mehr alles Verwandte.

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Donnerstag, 11. Juni 2015
Leben so

es gibt Dinge, die nicht gut funktionieren. Ich weiß nicht, was ich mit der Wohnung machen soll, also mach ich nichts und alles liegt herum. Mein Beruf macht mir so lala Spaß und ich ermüde daran, dass immer nur 10% dessen, was in der Vision gefeiert wurde, umgesetzt wird und der Rest unter die Räder des im Alltagstrott gefangenen Managements gerät. In meinem Freundeskreis liegt so viel Potenzial, das ich gerne unterstützen würde, aber auch hier herrscht viel Konjunktiv: Man müsste, man könnte, man sollte. Man tut es aber am Ende nicht.

Das ist, wenn das Leben stockt. Eigentlich ist das auch gar nicht so schlimm, wenn man Zeit hat. Aber ich habe das Gefühl, mir rinnt die Zeit zwischen den Fingern davon. Schnee schippen, wie Murakami den Alltagstrott nennt, kann ich ganz gut. Daher geht es auch immer weiter und ich bleibe nicht komplett stecken. Die Optionen gehen mir jedoch aus, ich bin nicht mehr Mitte Dreißig. Vielleicht ist das ja ein erster Schritt, um mehr Geschwindigkeit und mehr Fokus zu bekommen: Ungeduldig zu werden. Sich nicht mehr mit den mühsam und langwierig erreichten 10% zufrieden geben.

Aber ich bin noch nicht an der Stelle, an der ich weiß, wie es stattdessen funktionieren soll. Alles hinschmeißen und "neu anfangen" ist nie meins gewesen, ich mag Übergänge, Evolution und auf dem Aufbauen, was erreicht ist. Manche sehen dieses "von vorne anfangen" als Befreiung, ich verbinde das aber mit einer riesigen Anstrengung und auch damit, mit dem was man bisher getan hat, gescheitert zu sein. Was nicht mein empfinden ist, ich fühle mich alles andere als gescheitert. Im Gegenteil, deswegen möchte ich ja mal einen größeren Schritt sehen: Weil ich die Möglichkeiten erkenne, mit dem was ich kann und habe viel mehr machen zu können als ich bisher tue.

Währenddessen brechen um mich herum Menschen auf, entweder weil sie es endlich müssen oder weil das Leben ihnen neue, große Aufgaben stellt. Ich höre dort laut wichtige Weichen schalten und sie bitten mich um Hilfe und Unterstützung. Die ich ihnen gerne und mit Freuden gebe. Vielleicht ist das zunächst auch ein gar nicht mal so schlechter Ausgleich dafür, dass meine eigene Baustelle gerade nicht so vorankommt...

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Dienstag, 14. April 2015
Plan, kein.

Ich hatte die ersten 40 Jahre immer eine einigermaßen klare Vorstellung, wo ich mit meinem Leben gerade hin will. Nicht in der Art, dass ich das exakt planen hätte können, geschweige denn wollen. Aber eine generelle Richtung, in die es gehen sollte.

In der Schule war das Ziel der Schulabschluss. Egal wie gut oder schlecht, Hauptsache fertig werden und raus da. Ich mochte Schule nie besonders. Aber ich wollte den Abschluss.

Danach wußte ich das erste Mal nicht genau, was ich jetzt tun sollte, was mich aber nicht störte, denn ich hatte Zeit. Ich war ja erst Anfang Zwanzig, musste ohnehin erst mal Zivildienst machen und konnte mir daher in Ruhe Gedanken machen.

Das Ergebnis war, dass ich studieren wollte. Erst Grafik, aber ich wurde nicht genommen. Daher wurden es semitische Sprachen, was quasi das andere Interessensgebiet war, von dem ich dachte, wenn ich das nicht jetzt mache, mach ich das nie. Mir war aber schon beim Antritt des Studiums bewusst, dass es sein kann, dass ich es nicht beenden werde. Ich wollte einfach nur schauen wie weit ich komme und mir während des Studiums überlegen, was der nächste Schritt sein wird. Ansonsten war meine Best Case Vorstellung die, dass ich mit Hilfe des Studiums an Auslandsaufenthalte im vorderen Orient komme und sich dort Gelegenheiten ergeben.

Das war zum Glück kein Plan, denn so kam es nicht - stattdessen kam ein Kind. Und auch das Internet: Interessensgebiet Nummer drei, ein bisschen gemischt mit dem eigentlich schon abgelegten Design-Interesse die realistischste Persoektive bot, ein Berufsfeld für mich zu werden. Also war der nächste Plan, dass ich mir vornahm, bis zum dreißigsten Geburtstag daraus irgendwie einen Beruf zu machen und bis ich 35 wäre, mich damit zu etablieren.

Auch das gelang. Mit ein paar glücklichen Zufällen und der Offenheit gegenüber guten Gelegenheiten. Was ich vergaß war, mir einen solchen Plan dafür zu machen, wie ich eigentlich mein Privatleben haben möchte. Kinder und Beziehung und all das lief - offensichtlich - so unbewusst und ich war so unachtsam, dass ich plötzlich alleine da stand.

Der nächste Plan war daher, bis 40 irgendwie zu wissen, wie ein Leben aussehen kann, in dem ich und meine Umgebung zusammenpassten und wir uns wohl fühlen konnten. Auch dieser Plan, sobald ich ihn mal gefasst habe, funktionierte. Danke wunderbarer Menschen, die mir viel beibrachten, was ich wahrscheinlich besser zehn Jahre vorher hätte wissen müssen.

Aber besser ist es nicht gewesen, daher ging es eben so weiter. Ich habe viel gelernt und lerne noch immer. Das war einige Jahre auch prima, denn so wie ich zwischen 30 und 35 meinen Beruf etablierte, gestaltete ich zwischen 40 und 45 mein... eigentliches Leben.

Aber: Der nächste Schritt ist mir nicht klar. Und ich werde nervös, denn ich treibe seit einiger Zeit tatsächlich planlos vor mich hin. Ich brauche einen neuen Plan. Eine neue Richtung, die mir das Gefühl gibt, ich gelange irgendwann auch wieder irgendwo hin. Das macht mich gerade sehr unsicher, bringt mich aus der Balance. Muss sich ändern.

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Montag, 1. Dezember 2014
Was ich brauche

Ich mag es, gebraucht zu werden. Wenn es sowas wie einen ganz persönlichen Sinn des Lebens gibt - also das, was mich direkt und unreflektiert mein ganz persönliches Dasein erkennen lässt und sinnhaft macht - dann ist es das.

Ich komme wunderbar mit Ablehnung, Dissonanz, anderer Meinung sein, ja sogar mit Hass als Reaktion auf das was ich tue oder wie ich bin aus. Das berührt mich nur in geringem Maße. Leicht verwirrte Verwunderung ist da schon viel an Reaktion. Ich muss nicht mit jedem auskommen. Manchmal ist das Schade, aber meistens kann ich problemlos damit leben. Ich kann Leute ganz gut in Ruhe lassen.

Womit ich nur schwer zurecht komme ist, reduziert zu werden. Das muss ich genauer erklären: Es ist so, dass ich für eine Verbindung mit anderen Menschen "Verbindungen" brauche, über die ich dann - ja, ich weiß, das ist ein Umweg, aber so ist es eben - Emotion, Gefühl, Hingabe, Zuneigung und so weiter spüren und geben kann. Eine solche Verbindung ist natürlich Sex, aber ich brauche vor allem solche, die über Entfernung funktionieren. Die einfachste Form dieser Verbindung ist, wenn ich etwas tun kann Zuhören. Beraten. Ermutigen. Diskutieren. Trösten. Aushelfen. Eben irgendetwas tun, was mir hilft, damit auch meine Gefühle zu teilen und zu transportieren. Und umgekehrt auch die umgekehrten Gefühle immer wieder neu zu erspüren.

Was mich eifersüchtig macht ist daher, wenn ich sehe, wie Menschen nicht zu mir kommen sondern sich an andere Menschen wenden. Natürlich weiß ich, dass das überhaupt keine realistische Einschätzung der Situation ist, aber ich fühle mich dann unnütz. Ich weiß, dass sich beim anderen Menschen nichts an seiner Beziehung zu mir ändert und das hilft mir auch, über diese seltsamen Ängste drüber zu kommen. Aber sie sind dennoch zunächst mal da.

Sie stellen doofe Fragen: Bin ich zu alt? Bin ich zu langweilig? Ist meine Loyalität zu selbstverständlich, so dass man gar nicht darüber nachdenken muss was ich empfinde?

Die Fragen sind unsinnig, denn sie setzen Dinge voraus: Einstellungen beim Anderen, die da gar nicht sein muss. Erwartungshaltungen, deren Erfüllung zu verlangen ich gar nicht das Recht habe. Aber sie sind dennoch da und untergraben meine Moral. Flüstern mich in blödes beleidigt sein. Und verderben mich auch einfach die Laune.

Aber ich weiß inzwischen, wie ich damit umgehen kann. Es hilft mir, mir zu gönnen, mich ein bisschen zu ärgern, eine Weile traurig zu sein. Vielleicht auch wütend. Das mach ich für mich alleine. Ich kann gut eine Stunde jammern, etwas schimpfen, etwas verzweifelt sein. Danach geht es mir wieder besser und ich kann die Dinge wieder im richtigen Licht sehen.

Denn ich mag ja verlässlich sein. Ich bin gerne loyal. Ich weiß ja und ich merke auch schnell wieder, dass nur weil denen die ich liebe andere Menschen auch wichtig sind, mein Wert nicht sinkt. Auch wenn der erste Moment mir etwas anderes weismachen will.

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Mittwoch, 13. August 2014
Plötzlich wieder Alien

Ich stand vor 24 Kunden und erklärte ihnen die Ergebnisse eine Analyse, die wir gemacht haben. Inhaltlich war ich gut im Thema. Es ging ohnehin um meinen Home Turf, also Usability und Informationsarchitektur und all die anderen Themen, in denen ich so lange unterwegs bin, dass ich wahrscheinlich auch völlig unvorbereitet eine gute Figur abgeben hätte können.

Und dann war ich plötzlich wieder 12 Jahre alt. Alien. Eine dicke Mauer zwischen mir und der Welt. Ich fand nicht rein in die Welt. Ich blieb in mir stecken.

Das ist mir sehr lange nicht mehr passiert. Ich dachte, ich habe in den Jahren genügend Türen in die Mauer gebaut: Ich kann mich inzwischen an Small Talk beteiligen, habe Mimik und Körpersprache lesen gelernt und weiß, wie man Kommunikation initiiert. Aber plötzlich waren diese Türen nicht mehr da und ich geriet innerlich in totale Panik (was natürlich jenseits der Mauer kein Mensch mitbekommen hat).

Am Ende spulte ich meinen Vortrag eben hinter der Wand ab, in der Hoffnung, das passt davor schon irgendwie und offenbar war das auch so. Aber ich hatte die ganze Zeit keine Rückmeldung erkennen können, ich konnte mich nur an die Uhr halten und an den Inhalt, den es zu referieren galt. Ob ich zu viel ins Detail ging, ob ich zu schnell oder zu langsam war, ob ich das Publikum gerade langweilte, amüsierte oder ärgerte... keine Ahnung. Ich schaffte es nicht, auch nur einem ins Gesicht zu sehen, was ich ja aber musste: Ich hatte ja gelernt, so vor Menschen zu sprechen, dass sie mir zuhörten und ich eine Beziehung zu ihnen erreiche und stand fassungslos neben mir selbst und sah mir zu.

Ich versuchte, mir zu erklären, auf was ich achten muss muss und ich selbst versuchte, wenigstens so zu tun als schaue ich die Menschen vor mir an. Es wurden so drei sehr anstrengende Stunden. Der Teil von mir, der wusste wie es geht stand neben dem Teil von mir, der es nicht wusste. Aber der Teil, der es nicht wusste war der Teil, der redete.

Nicht mal danach konnte ich sagen, wie es gelaufen ist. Nicht dass es schwer war, weil es im Publikum viel Zurückhaltung gegeben hätte oder gemischtes Feedback oder Diskussionen - das gibts ja manchmal auch. Nein, es war einfach keine verwert- oder interpretierbare Information bei mir angekommen. Null. Nada. Nichts. Das musste ich die Kollegen fragen, die mir sagten, es sei alles super gewesen. Ich selbst hatte dagegen den Eindruck, es war grauenhaft und ich müsste im Boden versinken.

Ich bin immer noch völlig erschüttert, denn wie es ist, wenn man plötzlich wieder von allen Signalen abgeschnitten ist, die lesen zu können man so lange gebraucht hat und so viel Energie gekostet hat, war schlichtweg erschreckend.

Für mich ist die Erinnerung an diesen Termin heute wie ein Geschichte, mit der ich nichts zu tun habe. Wie die Erinnerung an ein Youtube-Video, das ich gesehen habe, anstatt an ein Ereignis, bei dem ich Teil gewesen bin. Aber das ist auch gut, denn so kann ich versuchen, den Film Bild für Bild zu analysieren und vielleicht im Nachhinein herauszufinden, was das Alien am Redepult vielleicht hätte erkennen können.

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weiß ich nicht, aber
offenbar haben sie ja geheiratet.
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diesen Brief überliefert?
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vielleicht weil ich auch so bin - doch mancher...
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aktuell absolut drin wieder; Danke für's präzise Formulieren ! :)
by Kai Damm (30.09.13 01:38)
Meine Vorstellung von einem perfekten
Moment Ich möchte am Meer sitzen, bei einer leichten Brise...
by jensscholz (03.08.13 20:02)
Außen/Innen Das hier passiert mir
immer noch. Das kann man offenbar nicht ablegen. Man kann...
by jensscholz (26.06.13 09:14)
Also zwischen uns liegen jetzt
zwar ein paar Jahre, aber ich kann das, was...
by wurzelfrau (14.05.13 22:35)
klingt jetzt doch eher
koerperlich ;)aber okay, bei mir ist's der Ruecken
by meta (12.05.13 22:41)
Zeit Ich fühle mich alt.
Das war zwar schon öfter mal so, vor allem nach...
by jensscholz (12.05.13 22:07)
ja, die rechte Schulter
wird wohl auch nicht mehr besser...
by jensscholz (12.05.13 22:06)
Das ist sehr ok da
man ja innerlich noch immer der junge Bursche ist, der...
by seewolf (12.05.13 12:10)
ich glaube ja keinem wirklich,
dem das keine Angst machen wuerde ... Und ja,...
by meta (12.05.13 10:19)

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