Polyamant
Mittwoch, 30. Dezember 2015
Ein bisschen weniger schwierig wäre schön

Ich habe dieses Jahr mehrere Monate in einer ständigen Hochkonzentration verbracht. Alle Menschen, an denen mir etwas liegt, haben existentielle Krisen hinter sich bringen müssen und jede davon war nicht an einem Wochenende zu bewältigen sondern dauerte viele, viele Wochen.

Meine eigene Krise - ich wurde entlassen - begann dabei mitten in der Zeit, in der gerade alles am anstrengendsten war. Da ich die Aufgabe übernommen habe, für andere da zu sein und Stabilität zu erzeugen, war es mir nicht möglich, selbst eine Art Zusammenbruch zu haben. Das ist allerdings auch ganz gut gewesen, denn da ich sowieso gerade im Modus war, alles im Griff zu haben, konnte ich das einfach draufpacken und in derselben Weise abarbeiten.

Und als die Menschen um mich herum wieder Tritt gefasst haben, hatte ich auch meine zukünftigen Weichen gelegt (indem ich mich entschieden habe, mich endlich auch mal selbständig zu machen) und es gab keinen Anlass mehr für Panik.

Die letzten beiden Monate liefen dann auch wieder in einer angenehmen Geschwindigkeit, auch wenn die Zukunft völlig anders sein wird als die Vergangenheit. Meine direkte Umgebung wird nun ziemlich umgestülpt: Ich werde umziehen, mein Sohn wird bei mir wohnen, Eva ist verheiratet und hat ein (wundervolles) Kind, Astrid wird zumindest einige Zeit sehr weit weg ziehen. Ich merke jetzt schon, wie viel häufiger ich alleine bin und hoffe, Frauke öfter zu sehen als bisher und dass Judith Geduld mit mir haben wird.

Ich habe jedenfalls vor, mir mein Leben zurückzuholen. Ich will wieder reisen, ich will Zeit mit schönen Sachen und lieben Menschen verbringen. Ich will spüren, dass es mir gut geht.

Im Moment muss ich aber noch immer irgendwie aus dem alten Leben rauskommen. Das lange Zähne zusammenbeißen, das funktionieren müssen, das durcharbeiten hat mich unsicher gemacht, jetzt wo es nicht mehr nötig ist. Was muss ich denn jetzt tun? Ist ausruhen auch ok? Oder muss ich nicht schon irgendwas planen und bedenken? Und wenn ich mich ausruhe und gar nichts tue, warum habe ich das Gefühl, es macht mich träge und müde statt erholt und wach? Oder hab ich einfach noch nicht genug Erholung? Und ist es dann schlecht, wenn ich im Januar direkt wieder mit voller Leistung starte?

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Dienstag, 30. Juni 2015
Familie

Ich komme aus einer Großfamilie. Beim siebzigjährigen Geburtstag meiner Oma waren 180 Gäste und das waren alles Verwandte. Wir sind rund 50 Cousins und Cousinen. Ich habe fast jede Ferien meine Kindheit in diesem großen Haus meiner Oma verbracht, in dem rund 20 Menschen wohnten. Mit meinem Bruder war ich 20 Jahre lang quasi ununterbrochen ständig zusammen.

Andererseits bin ich heute viel alleine. Man könnte vermuten, dass mir das Schwierigkeiten macht, aber das tut es wahrscheinlich viel seltener als anderen Menschen. Vielleicht ist das so, weil ich als Kind alleine sein als luxuriöse Out-Time erlebt habe und nicht als hilflose Einsamkeit. Denn ich war nie hilflos und wenn ich nicht allein sein wollte, musste ich es nie sein.

Mit 46 Jahren ist die Geborgenheit einer Großfamilie, die einem schmächtigen, "draußen" eher stillen, Schuljungen das Leben so unbemerkt aber nachhaltig erleichtert hat, nicht mehr so präsent. Aber das Grundvertrauen, dass man nicht alleine ist, das bleibt und es lässt sich erhalten. Indem man seine Familie selbst aufbaut.

Ich habe Freundinnen und Freunde, die ich als Familie ansehe. Wir haben eine so enge Verbindung, dass wir uns nicht ständig versichern müssen, noch da zu sein - was eventuell auch einseitig ist, aber das ändert nichts daran. Diese Selbstverständlichkeit ist wichtig. Selbst wenn man sich mal ein paar Jahre aus den Augen verliert, ändert das nichts am Status der Beziehung. Und das gilt nicht nur für die engen Beziehungen, ich betrachte meine ganzen Bloggerfreundinnen und Freunde als erweiterten Familienkreis, als ob sie auch Cousinen und Cousins sind.

Meine Familie ist immer noch riesig. Es sind nur nicht mehr alles Verwandte.

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Donnerstag, 11. Juni 2015
Leben so

es gibt Dinge, die nicht gut funktionieren. Ich weiß nicht, was ich mit der Wohnung machen soll, also mach ich nichts und alles liegt herum. Mein Beruf macht mir so lala Spaß und ich ermüde daran, dass immer nur 10% dessen, was in der Vision gefeiert wurde, umgesetzt wird und der Rest unter die Räder des im Alltagstrott gefangenen Managements gerät. In meinem Freundeskreis liegt so viel Potenzial, das ich gerne unterstützen würde, aber auch hier herrscht viel Konjunktiv: Man müsste, man könnte, man sollte. Man tut es aber am Ende nicht.

Das ist, wenn das Leben stockt. Eigentlich ist das auch gar nicht so schlimm, wenn man Zeit hat. Aber ich habe das Gefühl, mir rinnt die Zeit zwischen den Fingern davon. Schnee schippen, wie Murakami den Alltagstrott nennt, kann ich ganz gut. Daher geht es auch immer weiter und ich bleibe nicht komplett stecken. Die Optionen gehen mir jedoch aus, ich bin nicht mehr Mitte Dreißig. Vielleicht ist das ja ein erster Schritt, um mehr Geschwindigkeit und mehr Fokus zu bekommen: Ungeduldig zu werden. Sich nicht mehr mit den mühsam und langwierig erreichten 10% zufrieden geben.

Aber ich bin noch nicht an der Stelle, an der ich weiß, wie es stattdessen funktionieren soll. Alles hinschmeißen und "neu anfangen" ist nie meins gewesen, ich mag Übergänge, Evolution und auf dem Aufbauen, was erreicht ist. Manche sehen dieses "von vorne anfangen" als Befreiung, ich verbinde das aber mit einer riesigen Anstrengung und auch damit, mit dem was man bisher getan hat, gescheitert zu sein. Was nicht mein empfinden ist, ich fühle mich alles andere als gescheitert. Im Gegenteil, deswegen möchte ich ja mal einen größeren Schritt sehen: Weil ich die Möglichkeiten erkenne, mit dem was ich kann und habe viel mehr machen zu können als ich bisher tue.

Währenddessen brechen um mich herum Menschen auf, entweder weil sie es endlich müssen oder weil das Leben ihnen neue, große Aufgaben stellt. Ich höre dort laut wichtige Weichen schalten und sie bitten mich um Hilfe und Unterstützung. Die ich ihnen gerne und mit Freuden gebe. Vielleicht ist das zunächst auch ein gar nicht mal so schlechter Ausgleich dafür, dass meine eigene Baustelle gerade nicht so vorankommt...

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Dienstag, 14. April 2015
Plan, kein.

Ich hatte die ersten 40 Jahre immer eine einigermaßen klare Vorstellung, wo ich mit meinem Leben gerade hin will. Nicht in der Art, dass ich das exakt planen hätte können, geschweige denn wollen. Aber eine generelle Richtung, in die es gehen sollte.

In der Schule war das Ziel der Schulabschluss. Egal wie gut oder schlecht, Hauptsache fertig werden und raus da. Ich mochte Schule nie besonders. Aber ich wollte den Abschluss.

Danach wußte ich das erste Mal nicht genau, was ich jetzt tun sollte, was mich aber nicht störte, denn ich hatte Zeit. Ich war ja erst Anfang Zwanzig, musste ohnehin erst mal Zivildienst machen und konnte mir daher in Ruhe Gedanken machen.

Das Ergebnis war, dass ich studieren wollte. Erst Grafik, aber ich wurde nicht genommen. Daher wurden es semitische Sprachen, was quasi das andere Interessensgebiet war, von dem ich dachte, wenn ich das nicht jetzt mache, mach ich das nie. Mir war aber schon beim Antritt des Studiums bewusst, dass es sein kann, dass ich es nicht beenden werde. Ich wollte einfach nur schauen wie weit ich komme und mir während des Studiums überlegen, was der nächste Schritt sein wird. Ansonsten war meine Best Case Vorstellung die, dass ich mit Hilfe des Studiums an Auslandsaufenthalte im vorderen Orient komme und sich dort Gelegenheiten ergeben.

Das war zum Glück kein Plan, denn so kam es nicht - stattdessen kam ein Kind. Und auch das Internet: Interessensgebiet Nummer drei, ein bisschen gemischt mit dem eigentlich schon abgelegten Design-Interesse die realistischste Persoektive bot, ein Berufsfeld für mich zu werden. Also war der nächste Plan, dass ich mir vornahm, bis zum dreißigsten Geburtstag daraus irgendwie einen Beruf zu machen und bis ich 35 wäre, mich damit zu etablieren.

Auch das gelang. Mit ein paar glücklichen Zufällen und der Offenheit gegenüber guten Gelegenheiten. Was ich vergaß war, mir einen solchen Plan dafür zu machen, wie ich eigentlich mein Privatleben haben möchte. Kinder und Beziehung und all das lief - offensichtlich - so unbewusst und ich war so unachtsam, dass ich plötzlich alleine da stand.

Der nächste Plan war daher, bis 40 irgendwie zu wissen, wie ein Leben aussehen kann, in dem ich und meine Umgebung zusammenpassten und wir uns wohl fühlen konnten. Auch dieser Plan, sobald ich ihn mal gefasst habe, funktionierte. Danke wunderbarer Menschen, die mir viel beibrachten, was ich wahrscheinlich besser zehn Jahre vorher hätte wissen müssen.

Aber besser ist es nicht gewesen, daher ging es eben so weiter. Ich habe viel gelernt und lerne noch immer. Das war einige Jahre auch prima, denn so wie ich zwischen 30 und 35 meinen Beruf etablierte, gestaltete ich zwischen 40 und 45 mein... eigentliches Leben.

Aber: Der nächste Schritt ist mir nicht klar. Und ich werde nervös, denn ich treibe seit einiger Zeit tatsächlich planlos vor mich hin. Ich brauche einen neuen Plan. Eine neue Richtung, die mir das Gefühl gibt, ich gelange irgendwann auch wieder irgendwo hin. Das macht mich gerade sehr unsicher, bringt mich aus der Balance. Muss sich ändern.

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Montag, 1. Dezember 2014
Was ich brauche

Ich mag es, gebraucht zu werden. Wenn es sowas wie einen ganz persönlichen Sinn des Lebens gibt - also das, was mich direkt und unreflektiert mein ganz persönliches Dasein erkennen lässt und sinnhaft macht - dann ist es das.

Ich komme wunderbar mit Ablehnung, Dissonanz, anderer Meinung sein, ja sogar mit Hass als Reaktion auf das was ich tue oder wie ich bin aus. Das berührt mich nur in geringem Maße. Leicht verwirrte Verwunderung ist da schon viel an Reaktion. Ich muss nicht mit jedem auskommen. Manchmal ist das Schade, aber meistens kann ich problemlos damit leben. Ich kann Leute ganz gut in Ruhe lassen.

Womit ich nur schwer zurecht komme ist, reduziert zu werden. Das muss ich genauer erklären: Es ist so, dass ich für eine Verbindung mit anderen Menschen "Verbindungen" brauche, über die ich dann - ja, ich weiß, das ist ein Umweg, aber so ist es eben - Emotion, Gefühl, Hingabe, Zuneigung und so weiter spüren und geben kann. Eine solche Verbindung ist natürlich Sex, aber ich brauche vor allem solche, die über Entfernung funktionieren. Die einfachste Form dieser Verbindung ist, wenn ich etwas tun kann Zuhören. Beraten. Ermutigen. Diskutieren. Trösten. Aushelfen. Eben irgendetwas tun, was mir hilft, damit auch meine Gefühle zu teilen und zu transportieren. Und umgekehrt auch die umgekehrten Gefühle immer wieder neu zu erspüren.

Was mich eifersüchtig macht ist daher, wenn ich sehe, wie Menschen nicht zu mir kommen sondern sich an andere Menschen wenden. Natürlich weiß ich, dass das überhaupt keine realistische Einschätzung der Situation ist, aber ich fühle mich dann unnütz. Ich weiß, dass sich beim anderen Menschen nichts an seiner Beziehung zu mir ändert und das hilft mir auch, über diese seltsamen Ängste drüber zu kommen. Aber sie sind dennoch zunächst mal da.

Sie stellen doofe Fragen: Bin ich zu alt? Bin ich zu langweilig? Ist meine Loyalität zu selbstverständlich, so dass man gar nicht darüber nachdenken muss was ich empfinde?

Die Fragen sind unsinnig, denn sie setzen Dinge voraus: Einstellungen beim Anderen, die da gar nicht sein muss. Erwartungshaltungen, deren Erfüllung zu verlangen ich gar nicht das Recht habe. Aber sie sind dennoch da und untergraben meine Moral. Flüstern mich in blödes beleidigt sein. Und verderben mich auch einfach die Laune.

Aber ich weiß inzwischen, wie ich damit umgehen kann. Es hilft mir, mir zu gönnen, mich ein bisschen zu ärgern, eine Weile traurig zu sein. Vielleicht auch wütend. Das mach ich für mich alleine. Ich kann gut eine Stunde jammern, etwas schimpfen, etwas verzweifelt sein. Danach geht es mir wieder besser und ich kann die Dinge wieder im richtigen Licht sehen.

Denn ich mag ja verlässlich sein. Ich bin gerne loyal. Ich weiß ja und ich merke auch schnell wieder, dass nur weil denen die ich liebe andere Menschen auch wichtig sind, mein Wert nicht sinkt. Auch wenn der erste Moment mir etwas anderes weismachen will.

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klingt jetzt doch eher
koerperlich ;)aber okay, bei mir ist's der Ruecken
by meta (12.05.13 22:41)
Zeit Ich fühle mich alt.
Das war zwar schon öfter mal so, vor allem nach...
by jensscholz (12.05.13 22:07)
ja, die rechte Schulter
wird wohl auch nicht mehr besser...
by jensscholz (12.05.13 22:06)
Das ist sehr ok da
man ja innerlich noch immer der junge Bursche ist, der...
by seewolf (12.05.13 12:10)

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